Interview mit Andreas Lebert und Stephan Lebert
Aus der ZEIT Nr. 22/2026, 12. Mai 2026
Nico Hofmann ist einer der mächtigsten Filmproduzenten Deutschlands. Ein Gespräch über schwierige Stoffe, persönliche Krisen und seine Begegnung mit Harvey Weinstein
DIE ZEIT: Stimmt die Geschichte, dass Sie während der Dreharbeiten zu dem Film Solo für Klarinette von 1998 irgendwann in einer Pause mit Corinna Harfouch und Götz George an einer Currywurstbude standen – und ihr drei nackt wart?
Nico Hofmann: Nein, die Geschichte stimmt nicht. Jedenfalls nicht ganz.
ZEIT: Bitte erklären Sie uns, was daran stimmt.
Hofmann: Ich habe Solo für Klarinette mit Götz und Corinna gedreht, das zentrale Thema dieses Krimis ist unter anderem toxische Männlichkeit. Götz wollte sein Image in der Rolle des Kommissars brechen. Und Corinna war geliebte Hauptverdächtige und Antipode: Es gab kaum Menschen, die weiter entfernt voneinander waren als die beiden. Die Dreharbeiten waren wahnsinnig anstrengend. Wir drehten tagelang an verschiedenen intimen Liebesszenen. Ich habe mir einmal das Hemd ausgezogen, um noch mehr Nähe herzustellen zwischen mir und den Schauspielenden. Und dann standen wir in einer Drehpause beim Catering an einer Currywurstbude. Und ich sagte zu Götz: Weißt du eigentlich, dass du nackt bist? Wir waren durch die Atmosphäre am Set wie weggetreten. Aber Corinna war nicht dabei.
ZEIT: Sie haben als Regisseur und Produzent mehrere Filme mit Götz George gedreht. War er Ihr Lieblingsschauspieler?
Hofmann: Wir kannten zwei große zentrale Lebensthemen, die uns verbanden: die Debatte um toxische Männlichkeit und die Verstrickung unserer Eltern in den Nationalsozialismus. Unsere Zusammenarbeit gipfelte in dem Film George, in dem Götz seinen Vater Heinrich spielte. Ich war mit Götz sehr befreundet. Er ist sicher einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben.
ZEIT: Angenommen, die KI könnte den Schauspieler Götz George wieder auferstehen lassen: Könnten Sie sich vorstellen mit seinem Avatar einen Film zu drehen?
Hofmann: Auf gar keinen Fall. Ich weiß, wie sehr die Filmindustrie die KI mit Emotionen füttert, und wir alle wissen nicht, was da in Zukunft herauskommen wird, ich befürchte, emotionale Distanz. Aber die tiefen Gefühle, die ich als Regisseur mit Götz geteilt habe, liegen in meiner Seele. Und da bleiben sie.
ZEIT: Sie sagen, die Überwindung der toxischen Männlichkeit ist ein Lebensthema für Sie. Man kann den Eindruck gewinnen, dass nach Jahren der Wokeness die toxischen Männer überall wieder auf dem Vormarsch sind. Können Sie das erklären?
Hofmann: Ich bin manchmal ratlos. Es sind ja nicht nur die abschreckenden Einzelpersonen, man kann das auch auf TikTok bei der Jugend studieren: Überall sind exzessive Fitnessprogramme und durchgestylte Männerkörper angesagt.
ZEIT: Wie blicken Sie auf den Fall Ulmen/Fernandes?
Hofmann: Ich kann und will hier keine Schuldfrage klären, aber ich finde es wichtig, dass wir über Strukturen sprechen. Der Fall macht vor allem sichtbar, wie groß das Problem sexualisierter Gewalt und digitaler Gewalt insgesamt ist. Das Thema digitale Gewalt muss endlich gesetzlich geregelt werden. Ich bin kein Jurist, aber ich habe das Gefühl, der neue Gesetzentwurf der deutschen Justizministerin – auch gegen Deepfakes – geht hier noch nicht weit genug.
ZEIT: Haben Sie Harvey Weinstein mal kennengelernt?
Hofmann: Einmal. Im Peninsula Hotel in Beverly Hills, da hielt er Hof am Pool im Spa-Bereich. Er lag, mit einem Bademantel bekleidet, auf einer Liege und ließ sich von zwei Frauen die Fußnägel pediküren. Dieses Bild hat sich mir eingeprägt: Es war für mich der Inbegriff des dekadenten, machtbewussten Hollywoodbosses.
ZEIT: Sie sind als Regisseur, Produzent und Chef der Ufa seit Jahrzehnten im Filmgeschäft und gelten als einer der Leute mit dem größten Gespür für erfolgreiche Filmstoffe. Ein großes Biopic über Martin Walser oder Günter Grass, wäre das was?
Hofmann: Nein. Dafür gibt es derzeit kein Interesse, fürchte ich.
ZEIT: Ein Mehrteiler über die kriminellen Machenschaften der AfD, mit einem tollen Drehbuch und tollen Schauspielern?
Hofmann: Nein. Unverkäuflich, fürchte ich.
ZEIT: Dann vermuten wir mal: Der Krieg im Nahen Osten könnte es als Stoff auch schwer haben.
Hofmann: Richtig vermutet. Es gibt derzeit – neben den Krimis – einen Trend, dem viele Verantwortliche der Filmbranche in Deutschland nachlaufen: Escape. Flucht vor der Wirklichkeit. Anscheinend will keiner ernste Themen im Fernsehen, Kino oder auf Streamingplattformen sehen, weil die Realität schon furchtbar genug ist. Gefragt sind Komödien, Märchen, Krimis, Science-Fiction. Man kann aber nicht nur guilty pleasures herstellen, Sendungen, die man zwar mit Vergnügen schaut, die aber gleichzeitig in ihrem Weltbild anachronistisch und oftmals auch trashig sind.
ZEIT: Wenn wir Ihren Tonfall richtig deuten, dann nervt Sie dieser Trend.
Hofmann: Ich habe nichts gegen Escape-Stoffe, ich habe genug davon produziert. Aber ich warne vor der Gleichförmigkeit. Die Zuschauer wollen nicht immer nur das eine sehen, sie wollen auch das andere: also komplexe Stoffe und Qualität. Ich verstehe nicht, warum meine Lieblingsserie Adolescence in Deutschland nicht möglich sein soll. Man muss in der Filmbranche auch manchmal den Zeitgeist brechen, um Erfolg zu haben. Als ich vor Jahren ein Dokudrama über Margot Friedländer finanzieren wollte, sah ich nur in erstaunte Augen: Über wen? Margot war außerhalb Berlins weitgehend unbekannt. Als sie im vergangenen Jahr starb, gab es eine Art Staatsbegräbnis, der Film wurde mehrfach preisgekrönt.
ZEIT: Die ewige Sehnsucht nach der Erfolgsformel, mit der sich Bestseller planen lassen.
Hofmann: Sie wird es nie geben. Die Verfilmungen der Hape-Kerkeling-Bücher sind so ein Beispiel. Sein Buch Ich bin dann mal weg hat sich mehr als fünf Millionen mal verkauft, in unseren Film gingen eineinhalb Millionen Zuschauer. Als ich sein nächstes Buch Der Junge muss an die frische Luft verfilmen wollte, sagte ein Verleiher zu mir: Das zweite Buch hat sich viel weniger verkauft, dazu geht es um Selbstmord einer depressiven Mutter und Schwulsein, der Film wird kein großer Erfolg werden, also bekommst du weniger Budget als für den ersten. Am Ende gingen fast fünf Millionen Zuschauer in den zweiten Film. Es ist eine Binse, aber man muss sie gelegentlich wiederholen: Der Erfolg im Filmgeschäft ist keine Sache der Mathematik, sondern der handwerklichen und inhaltlichen Fokussierung, der Tonalität, der Haltung.
ZEIT: Lange Zeit galten Filme, die sich mit dem Coming-out von jungen Menschen befassten, eher als Kassengift. Hat sich das geändert?
Hofmann: Ja, das ist glücklicherweise anders geworden. Bei der sexuellen Orientierung geht es heute um die Frage: Wer bin ich? Was macht mich aus? Und genau diese Fragen üben eine große Faszination auf die Zuschauer aus. Leider sieht das nicht jeder so.
ZEIT: Wie meinen Sie das?
Hofmann: Wir versuchen gerade, einen Film über die Kinder von Thomas Mann zu machen: Erika und Klaus Mann, beide extrem interessante Charaktere, lesbisch und homosexuell, beide flohen vor den Nationalsozialisten ins Exil. Wir haben ein wunderbares Drehbuch, geschrieben von Elena Hell, eine grandiose Geschichte, aber trotzdem laufen wir von Pontius zu Pilatus, um den Film zu finanzieren. Wir geben nicht auf. Ich spüre, dass diese Geschichte ein großer Erfolg werden würde.
ZEIT: Ein Nico Hofmann kann nicht machen, was er möchte?
Hofmann: Um Himmels willen, nein. Was glauben Sie denn? Mir liegt noch ein anderes Projekt am Herzen: die Verfilmung des Romans Das späte Leben von Bernhard Schlink. Auch da erfahre ich Skepsis und Furchtsamkeit. Es ist zurzeit wirklich schwer, angstfrei gute Stoffe zu verwirklichen, das war früher einfacher.
ZEIT: Sie waren von 2015 bis 2023 CEO des Ufa-Konzerns und in dieser Zeit der wohl mächtigste Mann des deutschen Films. Warum haben Sie aufgehört?
Hofmann: Da gibt es einen Strauß von Gründen. Es kam auch zu menschlichen Enttäuschungen.
ZEIT: Welcher Art?
Hofmann: Ich werde das hier nicht öffentlich ausführen. Am meisten war ich von mir selbst enttäuscht, dass ich vieles nicht rechtzeitig bemerkt habe. Ich bin aber auch um meinen 60. Geburtstag herum in eine tiefe persönliche Krise gerutscht, in ein richtiges Loch gefallen. Man kann wohl von einer Depression sprechen.
ZEIT: Gab es einen konkreten Anlass?
Hofmann: Ja, den gab es: Es war der plötzliche Tod von Hannelore Elsner. Ich war eng mit Hannelore befreundet, und die Trauer um sie hat mich mit der Frage konfrontiert, was ich eigentlich mit meinem Leben anstelle. Und diese Fragestellung führte damals zu keiner guten Antwort.
ZEIT: Wie darf man sich das vorstellen? Schlaflose Nächte? Angstzustände?
Hofmann: So ähnlich. Ich bin am Wannsee viel aufs Wasser gefahren, einfach nur dasitzen und aufs Wasser schauen, das hat mir geholfen, das hat mich beruhigt. Ich habe eine Schiffsreise mit meiner Schwester gebucht, 14 Tage in die Antarktis. Dauernd auf das Eis schauen, das macht dann etwas mit dir. Und irgendwann spürst du: Ich will wieder ein kleineres Rad drehen. Und ich will noch die Filme produzieren, für die ich wirklich brenne.
ZEIT: Sie haben mal in einem Interview gesagt, dass Sie heute den Tod und die Trauer anders inszenieren würden, als Sie es früher getan haben. Würde Sie ein Film über den Tod reizen?
Hofmann: Ich habe oft als Regisseur Trauer inszeniert, die berühmte Szene am Grab, wo Trauernde Blumen in die Grube werfen. Jetzt stand ich aber ein paarmal selbst an Gräbern und weiß, die Inszenierungen waren nicht meine besten Szenen. Da hat etwas gefehlt. Heute wüsste ich vieles besser, aber einen Film über den Tod möchte ich nicht machen. Das ginge mir im Moment – auch weltpolitisch – zu nahe.
ZEIT: Sie haben noch eine hochbetagte Mutter, die langjährige FAZ-Journalistin Ulla Hofmann. Sie haben keine eigene Familie, leben allein. Sie haben öfter gesagt, Ihre Familie sind die Freundinnen und Freunde aus der Filmbranche. Kann das manchmal schwierig werden, die Trennung zwischen Privatleben und Beruf?
Hofmann: Ich kenne es nicht anders, die Ebenen zwischen Beruf und Leben gehören bei mir immer zusammen. Ich war 18, als ich die Scheidung meiner Eltern mit Mannheimer Theaterschauspielern in unserem Wohnzimmer verfilmt habe – das war meine Methode, diese Scheidung in mir aufzuarbeiten. Aber natürlich war es auch immer wieder schwer, Freunden beruflich unangenehme Dinge zu sagen. Am härtesten war es bei dem Regisseur Roland Suso Richter. Er ist einer meiner engsten Freunde, wir haben in einer WG in München viele Jahre zusammengewohnt. Und wir haben zusammen sehr erfolgreich Filme wie Der Tunnel oder Mogadischu gemacht. Alles lief großartig, dann kam das Projekt Medicus, die Verfilmung des Weltbestsellers von Noah Gordon. Roland sollte das machen. In der Vorbereitung merkten Wolf Bauer, mein damaliger Chef, und ich, dass sich Roland einen sehr authentischen, künstlerischen Film vorstellte. Und wir wollten ganz großes, monumentales Kino. Unsere Vorstellungen passten überhaupt nicht zusammen. Wir haben uns für das Projekt von Roland getrennt.
ZEIT: Hat Ihre Freundschaft das ausgehalten?
Hofmann: Ja.
ZEIT: Sie waren zwölf, als sich Ihre Eltern trennten. Psychologen sprechen bei Scheidungskindern gerne von den kleinen Diplomaten, die es gelernt haben, zwischen den Elternteilen zu wandern. Hat Ihnen diese Eigenschaft, verschiedene Welten auszugleichen, im Filmgeschäft geholfen?
Hofmann: Die Scheidung meiner Eltern war für mich traumatisch. Ich blieb bei meiner Mutter. Plötzlich war der Vater weg, ich war nur noch umgeben von Frauen, Großmüttern, Tanten, Freundinnen. Es ging meiner Mutter um weibliche Emanzipation und Feminismus, aber das Thema Männlichkeit wurde auch gerade deswegen für mich zum Lebensthema.
ZEIT: Herr Hofmann, zu Ihrem Job gehört es, neue Begabungen zu entdecken. Woran erkennen Sie Talent?
Hofmann: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Wichtig ist, Haltung und Leidenschaft zu spüren, dann kommt das Handwerk dazu: Kann jemand erzählen? Ich habe mich selten, aber manchmal getäuscht. Ich konnte von Talenten begeistert sein und merkte dann doch nach einiger Zeit: Nee, das wird nichts, da steht sich jemand im Weg.
ZEIT: Irrt man sich manchmal auch umgekehrt? Erlebt man positive Überraschungen?
Hofmann: Christian Schwochow ist ein solcher Fall. Er hat bei mir Regie studiert, und man hat schnell gemerkt, dass die DDR und die Familie seine großen Themen sind. Er schrieb Drehbücher zusammen mit seiner Mutter, das war alles interessant, aber ich dachte, Christian kommt aus dieser Welt nicht wirklich weg. Innerlich hatte ich seine Entwicklung für mich abgehakt. Dann bekam ich eine Premiereneinladung für einen kleinen Film, Die Unsichtbare, Regie: Christian Schwochow. Ich bin ohne Erwartungen ins Kino gegangen und war völlig begeistert. Die große, völlig enthemmte Emotion! Christian hatte den Rhythmus, das Leben für sich neu entdeckt und inszeniert. Danach haben wir zusammen die Uwe-Tellkamp-Verfilmung Der Turm gemacht, ein Fernseherfolg mit Millionen Zuschauern. Heute arbeitet Christian weltweit und ist einer der erfolgreichsten deutschen Regisseure. So viel zum Thema Irrtum.











