Nico Hofmann als Produzent

Ein Dirigent
muss begeistern

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ico Hofmann gründete 1998 nach 14 Jahren Regietätigkeit gemeinsam mit drei weiteren Gesellschaftern (Ariane Krampe, Doris Zander, Bettina Reiz) die Produktionsfirma teamWorx. Seine bisherige Rolle als Regisseur war ihm zu eng geworden: als Regisseur vertieft man sich für ein oder zwei Jahre in ein einziges Projekt, als Produzent ist die diskursive Definitionsmacht um ein Vielfaches größer: Man kann hier auf schöpferischer und gesellschaftspolitischer Ebene vieles bewegen, sofern man die Rolle des Produzenten auch als wichtige kreative Kraft begreift. Bis dato verstand man unter einem Produzenten einen Geldbeschaffer für den Fernsehmarkt.

Nico Hofmann in seinem Büro 2012 – © Foto: Stephanie Lehmann für BZ
während der Hochschulzeit in München
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ür Nico Hofmann dagegen braucht ein Produzent neben einem guten Händchen für die Finanzen auch eine zweite Hand, mit der er – vergleichbar einem Dirigenten – alle beteiligten kreativen Kräfte begeistern und auf ein exzellentes Produkt ausrichten muss. Dazu gehört vor allem ein tiefes Verständnis für alle Gewerke des Film- und TV-Handwerks: von der journalistischen Recherche und relevanten Kontextualisierung eines Themas bis hin zum Drehbuch. Nico Hofmann verfügt darüber hinaus auch über die nötige Menschenkenntnis und über ein gutes Bauchgefühl bei der idealen Besetzung eines Schauspielensembles – und die Besetzung entscheidet oft über den Erfolg, denn nur im Zusammenspiel kann ein Regisseur große Charaktere zum Funkeln bringen. Und zu guter Letzt wird Hofmann in der Branche für den wichtigsten Arbeitsschritt einer Produktion, dem Schnitt, ein an Obsessivität grenzender Wille zur Perfektion nachgesagt.

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eamWorx, das Tochterunternehmen der UFA Film & TV Produktion, wurde rasch bekannt für Event-TV-Produktionen und in diesem Genre europaweit sehr erfolgreich. Vor der Gründung von teamWorx arbeitete Nico Hofmann als Regisseur und Projektberater bei Bernd Eichingers Constantin Film. Von seinem Vorbild Bernd Eichinger – der für das Kino brannte und das Fernsehen erst relativ spät für sich entdeckte – übernahm er ein gemeinsames Credo: „Kino fürs Fernsehen machen“. Das bedeutete für den angehenden TV-Produzenten, anspruchsvolle und oft historisch bedeutsame Erzählstoffe unterhaltsam und spannend einem breiten TV-Publikum zugänglich zu machen.

DEUTSCHLAND ’83 (2015) – Nico Hofmann mit Jörg und Anna Winger in New York
während der Hochschulzeit in München
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er erste große Erfolg war der SAT1-Zweiteiler DER TUNNEL (2001), der die wahre Geschichte des geflüchteten DDR-Meisterschwimmers und Tiefbaustudenten Hasso Herschel erzählt, der 1962 mit einer Gruppe von West-Berliner Kommilitonen einen 136 Meter langen Tunnel von West- nach Ost-Berlin gräbt, um seiner Schwester und 28 weiteren Verwandten und Freunden zur Flucht zu verhelfen. Als Hasso Herschel eines Tages bei teamWorx in der Tür stand und seine auf 35 DIN A4-Seiten niedergeschriebene Geschichte anbot, erkannten Nico Hofmann und seine Mitproduzentin Ariane Krampe schnell die Bedeutung und das Potenzial dieses Stoffes. Sie mobilisierten ein für damalige Verhältnisse unerhörtes Budget von 13 Millionen D-Mark und realisierten 12 Jahre nach dem Fall der Mauer das erste massenwirksame deutsch-deutsche TV-Drama. Das Geschichtsthema beherrschte wochenlang die Schlagzeilen. Nach diesem Durchbruch feierte teamWorx viele weitere Quotenerfolge des Event-Fernsehens mit DIE LUFTBRÜCKE (2005), DIE STURMFLUT (2006), DRESDEN (2006), DIE FLUCHT (2007), DER TURM (2012) und vielen anderen Produktionen, die mit einer Vielzahl von Fernsehpreisen ausgezeichnet wurden.

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er Weg zu den ersten Erfolgen war für den Existenzgründer Nico Hofmann oft steinig und beschwerlich. Wie bei jedem anderen Startup war die finanzielle Ausstattung so knapp wie eine zu kurze Bettdecke: Entweder man fror an den Füßen oder am Hals. In den ersten drei Jahren war die junge Produktionsfirma im Minus, nur das Vertrauen von Wolf Bauer, Geschäftsführer beim Mehrheitseigner UFA Film & TV Produktion, unterstützte das Startup in mancher Notlage. Doch die Geduld der Geldgeber und die Leidenschaft des Produzenten zahlten sich aus. Das Konzept begründete nicht nur das neue und später von vielen anderen kopierte Genre der historischen TV-Events, sondern eröffnete Nico Hofmann auch das Feld zur Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit und des Nationalsozialismus – eine Motivation, die ihn schon als Regisseur antrieb.

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it seinem bis dahin größten Erfolg UNSERE MÜTTER, UNSERE VÄTER (2013) kehrt er zu einem Lebensthema zurück: Zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Generation seines Vaters, der selbst als Wehrmachtssoldat in der Ukraine eingesetzt war und dabei auch russische Soldaten tötete und dies in seinem Tagebuch festgehalten hat. Die Miniserie für das ZDF folgt fünf jungen Berliner Freunden von Sommer 1941 bis zum Kriegsende 1945. Der Film beschreibt die Kriegsgeneration mit Empathie, ohne dabei Zweifel an ihrer Schuld an den deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg aufkommen zu lassen. Dabei stützen sich die Produzenten Nico Hofmann, Benjamin Benedict und Autor Stefan Kolditz, der sieben Jahre am Drehbuch schrieb, auf eine Reihe wissenschaftlicher Studien, die das Wissen um die Verbrechen und die Mitschuld der Wehrmacht und der Bevölkerung herausgearbeitet haben. Der Historiker Prof. Norbert Frei sagte dem stern: „Der Film ist schon deshalb ein Fortschritt, weil wir den Krieg gegen die Sowjetunion im deutschen Fernsehen noch nie auf eine so ungeschönte Weise gesehen haben. (…) Das Drehbuch verarbeitet sehr gekonnt Ergebnisse der jüngeren zeitgeschichtlichen Forschung: die Beteiligung der Wehrmacht an der Ermordung der Juden, Geiselerschießungen im Partisanenkrieg, den Kommissarbefehl – aber etwa auch die Kaltschnäuzigkeit, mit der sich Volksgenossen in den Wohnungen der deportierten Juden breitmachen.“

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er ZDF-Dreiteiler sorgte für eine breite monatelange Debatte über die Verstrickung der Elterngeneration in die Verbrechen des Dritten Reiches und leitete damit „eine neue Phase der filmisch-historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein“, so Frank Schirrmacher in der FAZ. Schirrmacher weiter: „Nico Hofmann, den mancher gerne für unernst hält, weil er auch unernste Stoffe produziert, ist selbst der Protagonist dieser neuen Phase. Er, Jahrgang 1959, der nun endgültig zu den ganz großen Produzenten des Landes gezählt werden muss, redet auch von seiner eigenen Mutter und seinem eigenen Vater, und man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, dass er die siebenjährige Arbeit an diesem Film auch deshalb auf sich nahm, um mit seinen Eltern ein letztes Mal ins Gespräch zu kommen. Die Ernsthaftigkeit, die Detailtreue, die Kompromisslosigkeit, mit denen er es tat, sind bewundernswert und haben das Zeug dazu, die Seele des Landes anzurühren. Wer wäre man selbst in diesem Film gewesen? Wer wäre man geworden, wenn man 1941 zwanzig Jahre alt gewesen wäre? Das sind die zukunftsweisenden und am Ende unabweisbaren Fragen, die Nico Hofmanns großes Werk im Zuschauer zurücklässt.“

Das Jahr 2013 war auch das Jahr, in dem sich Nico Hofmann entschied, erneut die Rollen zu wechseln. Im Zuge einer Umstrukturierung wurde teamWorx mit den UFA-Tochtergesellschaften Phoenix Film und UFA Fernsehproduktion zum neuen Unternehmen UFA Fiction fusioniert. Nico Hofmann übernahm den Vorsitz der Geschäftsführung. Zwar verantwortete er auch in dieser Funktion weiterhin die Produktion zahlreicher erfolgreicher TV- und Kinofilme wie CHARITÉ (2017) und DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT (2018). Doch nun rückte im Laufe der Zeit immer mehr die Rolle des Managers und CEOs in den Vordergrund.