Von Andreas Kurtz, Kolumnist „Die Lebenden & Die Toten“, Berliner Morgenpost, 07. Februar 2026


 

Auch wenn es ein Familiengrab gibt, will Filmproduzent Nico Hofmann lieber in die Nordsee, wenn die Zeit dafür gekommen ist. 

Männer halten sich lange für unsterblich. Das scheint in ihrer DNA zu stecken. Vielleicht hätten sie ohne dieses trügerische Gefühl der Unverwundbarkeit ja niemals die Sicherheit der Wohnhöhle verlassen, um sich – nur mit ihrer Keule bewaffnet – dem Kampf mit dem Säbelzahntiger zu stellen. Der Filmproduzent Nico Hofmann, der früher als Chef der Ufa einen ziegeldicken Vertrag hatte, den Londoner Anwälte für ihn aushandelten, weiß noch genau, wie das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit in sein Leben trat. Es war die Folge von drei Toden von Freunden in den Jahren 2011, 2014 und 2016: „Innerhalb von fünf Jahren musste ich mich von Bernd Eichinger, Frank Schirrmacher und Götz George verabschieden.“

Eichinger und Schirrmacher waren mit 61 und 54 gestorben, also lange vor dem Alter, das ein Freund als akzeptabel zum Sterben akzeptieren würde. Götz George war zwar schon 77, hatte aber immer diese kraftvolle Ausstrahlung, die Gedanken an sein Ende weit in die Zukunft verwiesen. Ein Mann wie eine Eiche, plötzlich vom Leben gefällt. George trat mit einer großzügigen Geste ab und verfügte, dass die von ihm gegründete Stiftung mittellose Schauspieler im Alter unterstützen soll.„Als dann 2019 auch noch Hannelore Elsner starb, hat mich das gerissen.“ Rund um seinen 60. Geburtstag meldete sich der Körper von Nico Hofmann. „Der sendete mir mit animalischen Rückenschmerzen das Signal, dass meine Energie nicht unendlich ist. Mit 61 habe ich mein Testament gemacht.“

Der erste Tote in Hofmanns Leben war sein Großvater Fritz. „Ich war elf Jahre alt und wurde bei den Nachbarn geparkt, weil man mir seine Beerdigung ersparen wollte. Als ich von Großvaters Tod erfuhr, habe ich tagelang geheult.“ An die Angelausflüge mit dem Opa erinnert er sich heute, Jahrzehnte später, noch gern. Und versteht, warum seine Eltern ihn nicht mit Großvaters Tod konfrontieren wollten, hält das aber im Nachhinein für falsch: „Die Möglichkeit, Abschied zu nehmen, finde ich inzwischen wichtiger. Leider kam ich auch bei meinem Vater zu spät, konnte ihn erst berühren, als er schon gestorben war.“

Der Tod im Film sieht meist viel zu ästhetisch aus, um tatsächlich etwas mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Nico Hofmanns Blick darauf hat sich geändert: „Als Regisseur habe ich bestimmt 15 bis 20 Tode inszeniert und später als Produzent Hunderte produziert. Ich würde das heute, mit der Erfahrung ganz realer Abschiede, anders machen. Und mit einer völlig anderen Fantasie an so eine Szene rangehen.“

Im Rückblick auf die Zeit als CEO der Ufa kommt sich Hofmann, Jahrgang 1959, wie der unermüdliche Duracell-Hase aus der Werbung vor. Die Arbeitsbelastung war nicht gesund. Inzwischen leitet er seine eigene kleine Firma Nico Hofmann Film und sucht weiter nach der richtigen Balance in seinem Leben, die auch seinen Rücken mit ihm versöhnen könnte. Eine ehrenamtliche Arbeit, die er sich schon als Ufa-Chef ausgesucht hat, spielt weiter eine wichtige Rolle in seinem Leben. Auch dieses Jahr unterstützt er wieder als Schirmherr die Benefizveranstaltung des Vereins Cancel Cancer – Für eine Kindheit ohne Krebs, die es im Rahmen der Berlinale am 15. Februar, dem internationalen Kinderkrebstag, geben wird. Wenn man, wie Hofmann, jahrelang an der Spitze einer großen Firma stand, bekam man viele Konzepte auf den Tisch, in denen es um wohltätige Projekte ging. Im Idealfall kapiert man schnell, dass sich so ein Konzept flott zusammenschreiben lässt, es am Ende jedoch immer auf die Leute ankommt, die es mehr oder weniger gut umsetzen: „Timo Wentzel, einer der Initiatoren von Cancel Cancer, war mir schon früher durch engagierte Arbeit aufgefallen. Das ist ein ganz bescheidener und herzensguter Mensch, der dieses Ehrenamt wirklich ernst nimmt. Der leistet mit seinen Mitstreitern eine beeindruckende Arbeit.“ So etwas zu unterstützen, bringt mehr Energie, als es kostet.

Die Mutter von Nico Hofmann ist 94 Jahre alt und hat in Mannheim ein Familiengrab anlegen lassen. Den Sohn zieht es da nicht hinein: „Da ich selbst Boot fahre, könnte ich mir eher eine Seebestattung in der Nordsee vorstellen.“ Er war schon zweimal dabei, als ein Mensch auf diese Weise verabschiedet wurde. Und fand das sehr beeindruckend: „Da wird die Schiffsglocke geläutet, und dann kommt die Asche ins Wasser. Eine sehr schlichte, würdevolle Zeremonie.“