Das ist ein Durchbruch für den deutschen Spielfilm nach über zwei Jahrzehnten: Der Goldene Bär der Berlinale 2026 für „Gelbe Briefe“, ein in Deutschland vom herausragenden Produzenten Ingo Fliess ermöglichter Film des in Berlin geborenen Regisseurs İlker Çatak ist der erste Hauptpreis für eine deutsche Produktion seit 2004. Damals gewann auch ein Sohn türki­scher Eltern – Fatih Akin – mit „Gegen die Wand“. Gemeinsam mit dem Silbernen Bären für Sandra Hüller für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle für ihr eindrucksvolles und intensives Spiel im österreichisch‑deutschen Film „Rose“ von Markus Schleinzer geht von dieser Berlinale ein starkes Signal aus: Deutschland spielt wieder mit auf der Weltbühne des Films. Ob sich dieses Comeback nachhaltig verstetigen lässt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen: Gibt es mehr internationale Koproduktionen, stärkere Festivaljahrgänge, verbesserte Infrastruktur und bessere Produktionsbedingungen am Filmstandort Deutschland?

Die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle, die ein beeindruckendes Panoptikum von gesellschaftspolitisch relevantem Weltkino mit all seinen Konflikten nach Berlin geholt hat und deshalb völlig zu Recht und sehr souverän die absurden Vorwürfe einer pro-palästinensischen Bekenntnis-Sekte zurückweisen konnte, lobte ganz ausdrücklich die deutschen Beiträge. Sie sei beeindruckt von der Qualität der deutschen Filme in diesem Jahr, es gebe viele interessante Blickwinkel in den Geschichten und spannende Talente, die Hoffnung auf die Zukunft des deutschen Kinos machen würden.

Zum Beispiel die Geschichte in „Gelbe Briefe“: Çatak legt mit seiner kleinen Familiengeschichte den Finger in eine große brennende politische Wunde und bekam den Goldenen Bären „wegen seiner meisterhaften Mitmenschlichkeit“, wie Jury-Präsident Wim Wenders begründete. Aus meiner Sicht ist dieser Film ein explizit politischer und doch poetischer Film und grenzt sich wohltuend ab vom plakativen, aktionistischen Filmemachen. Bei gesellschaftlich relevanten Filmen geht es um die erzählerische Herausarbeitung einer mutigen Haltung, die unter den widrigsten Umständen allzu menschlich auch mit Rückschlägen und Fehlern einher geht, und nicht um ein dogmatisch-pädagogisches Nanny-Kino.

Çatak will seinen Film auch nicht als eindimensionales Manifest über den Verlust von Meinungsfreiheit verstanden wissen. Er arbeite nicht mit Slogans und Sprüchen wie die sozialen Medien, sondern sorgsam an einem komplexen Diskurs im gesellschaftlichen Raum. Dass die Jury mit ihrem Goldenen Bären genau diese Herangehensweise auszeichnet, untermauert auf elegant-subtile Weise den künstlerischen und politischen Anspruch, den ihr Vorsitzender Wim Wenders formuliert hat: „The language of cinema is empathetic. The language of social media is effective. We need to talk about that artificial discrepancy that happens here in Berlin.“ Wer das perfide in ein angebliches Plädoyer für ein unpolitisches Kino verdreht, sollte sich schämen.