Baden-Württemberg hat eine Filmhochschule und Kreative von Weltrang. Doch es fehlt der politische Mut, diese Chance zu nutzen, sagt der Film- und Fernsehproduzent Nico Hofmann. Zudem brauche es neue Wege, die überforderten Zuschauenden zu erreichen.
Interview mit Gunther Reinhardt
Stuttgarter Zeitung, 19.12.25
Er hat wegweisende Filme und Serien wie „Der Tunnel“, „Unsere Mütter, unsere Väter“, „Charité“ oder „Deutschland 83“ verantwortet – und eines seiner letzten Projekte, bevor er nach über 25 Jahren die Ufa verlassen hat, hieß „Maxton Hall“. Nico Hofmann ist eine der prägenden Figuren der deutschen Film- und Fernsehbranche. Im Interview spricht der 66-Jährige über den Druck großer Konzerne und die Zukunft des Streamings.
Herr Hofmann, nach mehr als 25 Jahren bei der UFA haben Sie den Konzern verlassen. War dieser Schritt schwer?
Nein, er war überfällig. Ich habe viele berufliche Wege durchlaufen – Journalist, Regisseur, Produzent – und bin dann 26 Jahre bei Bertelsmann und der UFA geblieben. Das waren großartige Jahre, aber irgendwann muss man der nächsten Generation Platz machen. Ich habe schon mit Anfang 60 gemerkt, dass der richtige Zeitpunkt für einen bewussten Generationenwechsel gekommen ist.
War es ein Befreiungsschlag, nicht mehr für ein riesiges Unternehmen entscheiden zu müssen?
Ich habe weiterhin wirtschaftliche Verantwortung, weil ich Anteile an einer Firma halte. Aber ich kann nun stärker die Stoffe verfolgen, die mir wirklich am Herzen liegen. In der UFA war der Spagat zuletzt enorm: Zwischen Kreativität und Renditedruck. Das hat mich zum Schluss regelrecht zermürbt.
Sie haben einmal gesagt, dass es für den deutschen Markt Mut brauche – sowohl bei Sendern als auch bei Produzenten. Sind Streamer mutiger als Öffentlich-Rechtliche?
Das ist ein Klischee. Überall gibt es gute und schlechte Mannschaften. Ich habe mit großartigen Redakteurinnen und Redakteuren bei ARD und ZDF zusammengearbeitet, genauso wie bei Streamern. Mut ist immer eine persönliche Frage, keine institutionelle. Die öffentlich-rechtlichen Sender bleiben zudem enorm wichtige Auftraggeber, gerade für fiktionale Produktionen.
Früher hieß es oft, Streamer könnten nischiger erzählen. Gilt das noch?
Das hat sich gedreht. Alle Streamer wollen heute das große Publikum und gleichzeitig Inhalte, die weltweit funktionieren. In den Streaming-Chefetagen in den USA wird jedes Projekt danach bewertet, ob es von dort aus global funktioniert oder verkauft werden kann. Nationale Serien wie „Bad Banks“ oder „Die Kaiserin“ zeigen aber auch, wie erfolgreich das sein kann – sie werden international ausgewertet.
Wie beurteilen Sie die allgemeine Entwicklung des Streaming-Markts?
Wir erleben einen brutalen Verdrängungswettbewerb: Es gibt weltweit eine echte Konzentration – meine Prognose lautet, dass langfristig nur drei große Player übrigbleiben. Das Geschäft ist extrem kapitalintensiv, die goldenen Corona-Jahre sind vorbei. In Los Angeles sind derzeit 30 Prozent meiner Freunde arbeitslos, weil Produktionen massiv zurückgefahren wurden.
Merken die Zuschauerinnen und Zuschauer diese Konzentration?
Sie sind schon jetzt überfordert. In den USA kauft man nur noch Abonnements für spezielle Kanäle, und auch hier sortieren die Menschen stärker aus: Was lohnt sich noch? Welchen Dienst behalte ich? Für die Konsumenten wird die Auswahl dezidierter, nicht größer.
Die Netflix-Serie „Die Kaiserin“, die Sie vorhin erwähnt haben, wird zum Beispiel von Jochen Laube aus Ludwigsburg produziert. Sie gelten als leidenschaftlicher Anwalt des Medienstandorts Baden-Württemberg. Wie ist Ihr Blick?
Ich bin hier im Land in Mannheim aufgewachsen, habe den Südwestfunk noch miterlebt und die Filmakademie in Ludwigsburg mit aufgebaut. Die Region hat ein immenses Potenzial: einen starken Landessender, eine der führenden Filmschulen, kreative Künstlerinnen und Künstler. Eigentlich müsste Baden-Württemberg ein „Made-in-Medienstandort“ wie Bayern oder NRW sein. Aber wir verkaufen uns seit Jahren unter Wert, vor allem politisch.
Woran liegt es?
Es fehlt der politische Mut, noch größer strukturell zu investieren – so wie NRW es einst getan hat. Dabei gibt es hier ein kreatives Kompetenzzentrum, das regelmäßig Talente hervorbringt. Das Problem ist: Viele gehen weg, weil es zu wenig Aufträge und Strukturen gibt. Ein Standort lebt von Auftragsvergabe. Nur so siedeln sich Gewerke an, nur so entsteht ein nachhaltiges Ökosystem.
Was müsste Baden-Württemberg konkret tun?
Erstens: Die Kreativen halten. Zweitens: Politik, Förderung und Sender müssen sich noch weiter öffnen. Im Bereich Animation und VFX wurde bereits viel erreicht auch durch die Stuttgarter MFG – im Bereich Fiktion braucht es dasselbe Engagement. Und man sollte den Mut haben, eine Dachmarke „Filmland Baden-Württemberg“ zu schaffen, die als narrative Klammer die Vernetzung und Stärkung der Filmbranche bündelt und sichtbar macht, was hier entsteht. Denn: Es gibt kein einziges Argument, warum dieser Standort nicht ganz vorne mitspielen kann.
Sie erwähnen oft die Filmakademie. Was bedeutet sie heute für die Region?
Sie ist ein Campus von Weltrang – und das war zu Beginn überhaupt nicht absehbar. Anfangs saßen wir neben einem Burger King mit zugezogenen Vorhängen. Heute sind das Animationsinstitut und viele andere Bereiche international führend, KI-Forschung ein Riesenthema, und viele Alumni prägen die Branche, von Christian Schwochow bis zu Jochen Laube.
Wenn Sie auf die kommenden Jahre schauen: Was treibt Sie an?
Ich suche radikale, erzählerisch starke Stoffe – und zwar hier am Standort. Viele meiner Studierenden wollen in Baden-Württemberg leben und arbeiten. Ich möchte, dass sie das auch können. Denn eines hat Deutschland längst bewiesen: Wir können Serien und Filme produzieren, die international bestehen. Man muss nur stolz genug sein, das auch zu zeigen.
Uns fehlt der Stolz?
Wir sind oft zu kleingeistig. Roland Emmerich ist ein gutes Beispiel: Er hat immer wieder erzählt, wie er auf der Berlinale saß, von deutschen Journalistinnen und Journalisten herabgewürdigt wurde und dann sagte: „Gut, dann gehe ich nach Amerika.“ Diese Haltung – jemanden, der international Maßstäbe setzt, nicht zu feiern – ist typisch. Dabei hat Emmerich mit seinen Themen oft 10, 15 Jahre Vorarbeit geleistet, beispielsweise mit seinem Film über die Klimakatastrophe. Es ist natürlich oftmals Popcorn-Kino mit Botschaft – aber das hat er großartig gemacht. Dass so jemand aus Stuttgart stammt, wird hier viel zu wenig wahrgenommen.
Und Emmerich ist kein Einzelfall?
Dasselbe sehe ich bei vielen aktuellen Produktionen. „Maxton Hall“ etwa: Man kann darüber streiten, über Geschmack, über Zielgruppen. Aber Fakt ist: Es ist ein deutscher Stoff, unter anderem in Niedersachsen gedreht, von einem Berliner Autorinnen- und Regieteam entwickelt – und die Plakatwerbung dafür hängt am Sunset Boulevard. Das muss man erst einmal schaffen. Und statt reflexhaft die Nase zu rümpfen, sollte man sagen: Respekt. Das ist die Haltung, die dem Standort oft fehlt.
Wie wichtig ist es, dass junge Kreative heute international denken – und gleichzeitig regional verwurzelt bleiben?
Das ist einer der Schlüsselpunkte. Ich rate meinen Studierenden nie, das Heil in Los Angeles zu suchen. Man kann auch von hier aus Serien und Filme machen, die weltweit funktionieren. „Deutschland 83“ war dafür ein frühes Beispiel: In England lief die Serie sensationell bei Channel 4, es gab Schlagzeilen wie „The era of Nordic noir is over – the Germans are coming“. Das war lange vor der ersten Netflix-Produktion, und es zeigte, was deutsche Produktionen können, wenn sie mutig erzählt werden. Wichtig ist aber auch die Verwurzelung. Viele der erfolgreichsten Kreativen – Christian Schwochow, Burhan Qurbani, Soleen Yusef – kommen aus Ludwigsburg oder haben dort gearbeitet. Sie bewahren sich ihre Handschrift, egal ob sie für die ARD und ZDF drehen oder für Apple in Melbourne. Diese Verbindung von Herkunft und internationalem Anspruch ist etwas, das wir viel stärker nutzen müssten. Wenn Baden-Württemberg ihnen in Zukunft die Möglichkeit gibt, ihre Projekte auch hier zu realisieren, entsteht genau das Ökosystem, von dem ein echter Medienstandort lebt.










