„Starke Stimme“ in Focus 10/26

Gelingt dem deutschen Film ein Comeback? Die Berlinale lässt darauf hoffen! Trotzdem muss das Festival um seine Bedeutung kämpfen.


 

Das ist ein Durchbruch für den deutschen Spielfilm nach über zwei Jahrzehnten: Der Goldene Bär der nale 2026 für „Gelbe Briefe“, ein in Deutschland vom herausragenden Produzenten Ingo Fliess ermöglichter Film des in Berlin geborenen Regisseurs İlker Çatak, ist der erste Hauptpreis für eine deutsche Produktion seit 2004. Damals gewann auch ein Sohn türkischer Eltern – Fatih Akin – mit „Gegen die Wand“. Gemeinsam mit dem Silbernen Bären für Sandra Hüller für die beste schauspielerische Leistung im österreichisch-deutschen Film „Rose“ von Markus Schleinzer geht von dieser Berlinale ein starkes Signal aus: Deutschland spielt wieder mit auf der Weltbühne des Films. Und zwar nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite: In den verschiedenen Sektionen des Berlinale-Programms liefen von mehr als 270 Filmen insgesamt 56 vorrangig deutsche Filme und 80 mit deutscher Beteiligung. Die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle, die ein beeindruckendes Panoptikum von gesellschaftspolitisch relevantem Weltkino mit all seinen Konflikten nach Berlin geholt hat und deshalb völlig zu Recht und sehr souverän die absurden Vorwürfe einer pro-palästinensischen Bekenntnis-Sekte zurückweisen konnte, lobte ganz ausdrücklich die deutschen Beiträge und spannende Talente, die Hoffnung auf die Zukunft des deutschen Kinos machen würden.

Zum Beispiel die Geschichte in „Gelbe Briefe“: Sie ist in der Türkei angesiedelt, es spielen türkische Schauspieler auf Türkisch, gedreht aber wurde in Deutschland: Ankara ist Berlin, Istanbul ist Hamburg. Der Film zeigt, wie sich bei einem Künstlerpaar, das unter politischer Zensur und daraus folgender wirtschaftlicher Not leidet, die Angst vor autoritären Übergriffen immer mehr in ihren Alltag schleicht und sie dazu zwingt, Position zu beziehen. Çatak legt mit seiner kleinen Familiengeschichte den Finger in eine große brennende politische Wunde und bekam den Goldenen Bären „wegen seiner meisterhaften Mitmenschlichkeit“, wie Jury-Präsident Wim Wenders begründete. Aus meiner Sicht ist dieser Film ein explizit politischer und doch poetischer Film und grenzt sich wohltuend ab vom plakativen, aktionistischen Filmemachen. Bei gesellschaftlich relevanten Filmen geht es um die erzählerische Herausarbeitung einer mutigen Haltung, die unter den widrigsten Umständen allzu menschlich auch mit Rückschlägen und Fehlern einhergeht, und nicht um ein dogmatisch-pädagogisches Nanny-Kino. Çatak will seinen Film auch nicht als eindimensionales Manifest über den Verlust von Meinungsfreiheit verstanden wissen, sondern sagte, dass es viel wichtiger sei, dass wir uns mit Fragen auseinandersetzen, die zu komplex sind, um sie in eine einzige Botschaft zu verpacken. Er wolle mit seinem Film in einen Prozess eintreten, in dem Stück für Stück kleine Erkenntnisgewinne erreicht werden. Er arbeite nicht mit Slogans wie die sozialen Medien, sondern sorgsam an einem komplexen Diskurs im gesellschaftlichen Raum. Dass die Jury genau diese Herangehensweise auszeichnet, untermauert den künstlerischen und politischen Anspruch, den ihr Vorsitzender Wim Wenders formuliert hat: „The language of cinema is empathetic. The language of social media is effective. We need to talk about that artificial discrepancy that happens here in Berlin.“ Wer das perfide in ein angebliches Plädoyer für ein unpolitisches Kino verdreht, sollte sich schämen.

Die Berlinale muss ihren künstlerischen und politischen Anspruch künftig noch besser politisch begründen und intellektuell untermauern, wenn sie als internationales A-Festival überleben will. Zu groß ist der schleichende Bedeutungsverlust gegenüber Cannes und Venedig in Sachen Marktrelevanz, Glamour und filmischer Publikumsmagneten. Und der Berlinale fehlt nach der Schließung fast aller Kinos am Potsdamer Platz das räumliche Zentrum in der Hauptstadt. Aber vielleicht behalten diejenigen recht, die in den Preisen für Çatak und Hüller einen Wendepunkt sehen und hoffnungsvoll rufen: „Das deutsche Kino ist zurück!“ Ob sich dieses Comeback verstetigen lässt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen: Gibt es mehr internationale Koproduktionen, stärkere Festivaljahrgänge, verbesserte Infrastruktur und bessere Produktionsbedingungen am Filmstandort Deutschland?

Die Bundesregierung zeigt viel guten Willen und hat die Filmförderung auf 250 Millionen Euro verdoppelt. Darüber hinaus müssen Streaming-Riesen wie Netflix, Amazon und Disney+ ab 2026 mindestens acht Prozent ihres deutschen Nettoumsatzes in europäische und deutsche Produktionen fließen lassen. Wer freiwillig auf zwölf Prozent geht, entkommt strengeren Auflagen zu Sprache, Rechten und unabhängigen Produzenten. Das ist ein nett gemeinter Einstieg, aber hält dem Vergleich mit Frankreich und Italien nicht stand. Frankreich, der Vorreiter, verlangt seit Langem mindestens 20 Prozent des Umsatzes für nationale Werke, ergänzt durch rigide Rechte-Regeln – und blüht. Italien zwingt Streamer seit Jahren zu 16 Prozent ihres Umsatzes in lokale Produktionen – Resultat: Milliarden fließen, Netflix powert Hits wie „Suburra“ und stärkt Studios, ohne dass die Abopreise explodieren. Nicht nur bei der Investitionsquote, sondern auch bei der bürokratischen Ausgestaltung des Tax-Refunds bleibt der deutsche Filmstandort im Vergleich dazu deutlich zurück. Hier blieb der Reformzug von Wolfram Weimer auf halber Strecke stehen. Aber es geht nicht um Geld allein: Die Relevanz des deutschen Films hängt nicht nur am Tropf der öffentlichen Hand, sondern daran, wie wir die kompromisslose Kraft und radikale Energie der jungen Filmgeneration entfesseln können.