Foto: Christian Schulz
Während in den USA mit der angekündigten Übernahme von Warner Bros. Discovery durch Paramount Skydance die Streaming Wars in eine neue Phase treten, sind die Investitionen in den Film- und TV-Markt in Europa eher rückläufig.
Wenn man sich mit Filmschaffenden und TV-Produzenten in Deutschland und Europa unterhält, dann verdichtet sich der Eindruck, dass immer weniger Aufträge vergeben werden. Die Entwicklung-Pipelines sind zwar ordentlich voll, doch für die Zukunft wird immer weniger eingeplant.
Klar ist: Die Hochphase der großen, streamergetriebenen Auftragswellen ist vorbei. Nach mehr als einem Jahrzehnt des Wachstums hat sich der europäische Markt für TV-Fiction deutlich verlangsamt. Nach dem jüngsten Bericht des European Audiovisual Observatory sank die Anzahl der in Europa produzierten Fiktionstitel um 5%, und die der Episoden um 3%. TV-Fiction bleibt unter Druck, weil Streamer selektiver bestellen und Sender mit strengeren Auswahllogiken kalkulieren. Die Auftraggeber sind bei Budgets und Stoffen leider sehr vorsichtig geworden.
Zur Zeit sind vor allem eskapistische Inhalte gefragt, man zeigt Crime oder eine möglichst heile Welt und glückliche Menschen, weil man glaubt, dass die Zuschauer angesichts von Polykrisen und furchtbarer Kriege dieser Wirklichkeit für einige unbeschwerte Stunden entfliehen wollen. Man kann aber nicht für Tag und Nacht nur „Guilty Pleasure“ herstellen, also Sendungen, die man zwar mit echtem Vergnügen schaut, aber gleichzeitig in ihrem Weltbild anachronistisch und auch ein bisschen trashig findet.
Mein Lieblingsprojekt ist zur Zeit eine TV-Miniserie über Klaus und Erika Mann, die Kinder von Thomas Mann. Das ist ein historischer Stoff, der heute wieder eine sehr hohe Relevanz hat: Es ist eine unglaubliche Lebensgeschichte, es geht um den aufkommenden Faschismus, die Vaterfigur, die sexuelle Entwicklung und um Identitätsfindung. Es gibt eine neue, sehr gut recherchierte Biografie von Tilmann Lahme, die den Schriftsteller aus einem Blickwinkel betrachtet, der gut in die heutige Zeit passt, weil sie mit großer Emphathie Thomas und vor allem den Sohn Klaus in einer homophoben Gesellschaft beschreibt und endlich dem großen Seelendrama dieser dysfunktionalen Familie auf den Grund geht. Die großartige Münchner Autorin Elena Hell hat ein wunderbares Konzept und die ersten Folgen der Miniserie geschrieben: für dieses Projekt kämpfen Jan Wünschmann und ich mit unserer Filmproduktion Beta Berlin. Da laufen wir von Pontius zu Pilatus, aber komplexe Stoffe haben es in den Redaktionen der Fernsehsender zur Zeit überhaupt nicht leicht.
Ich bin aber davon überzeugt, dass ein breites Publikum auch Quality Pleasure schätzt. Und die öffentlich-rechtlichen Sender sollten gerade angesichts des wachsenden politischen Legitimationsdrucks unter dem sie stehen, mehr gesellschaftlich relevante Stoffe bestellen und sich mehr anstrengen, diese Inhalte dann auch digital zu verwerten und erfolgreich zu vermarkten.










