Entscheider treffen Haider – heute mit Filmlegende Nico Hofmann.
Hamburger Abendblatt, 29.04.2026
Seinen ersten Film hat er mit acht Jahren gedreht. Was danach folgte, war eine einmalige Karriere, die ihn bis an die Spitze
der Ufa und zu großen Werken wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ führte. In unserer Reihe „Entscheider treffen Haider“ sagt Nico Hofmann, warum er auch als Filmemacher immer Journalist geblieben ist, wie sich die Themen geändert haben – und warum es künftig in den Medien auf Genauigkeit ankommen wird.
Das sagt Nico Hofmann, Jahrgang 1959, über …
… seine sehr frühe Begegnung mit dem Thema Film:
„Ich bin in einem Journalistenhaushalt aufgewachsen. Meine
Mutter war Redakteurin beim „Mannheimer Morgen“, später bei der „FAZ“, mein Vater war bei der „Rheinpfalz“. Beide Eltern haben die Pressearbeit der Mannheimer Filmwoche betreut und mich immer zur Vorauswahl ins Kino mitgenommen. Das Erlebnis der Leinwand ging sehr früh los und hat mich sofort fasziniert. Mit acht Jahren habe ich versucht, meine ersten eigenen Filme zu drehen und aus dunklen Räumen etwas Besonderes zu machen. Ich habe auch sehr früh begriffen, dass man die Filme nicht nur zeigen, sondern dafür auch Eintrittsgeld nehmen kann, erst zehn Pfennig, später eine D-Mark.“
… sein Leben als Filmemacher, als der er immer auch Journalist war:
„Ich wollte eigentlich immer Journalist werden. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich in der Pubertät war, auch weil meine Mutter die größere Karriere gemacht hat. Ich habe unter der Scheidung und dem Weggang meines Vaters sehr gelitten. Meine Mutter wollte auf keinen Fall, dass ich sofort Journa-
list werde, sie brachte mich dazu, Jura zu studieren. Aber gleichzeitig habe ich mich auf der Filmhochschule in München beworben. Während des Studiums habe ich dann doch ein Volontariat beim „Mannheimer Morgen“ begonnen, weil mich die Genauigkeit der journalistischen Recherche fasziniert hat. Auch als Filmemacher bin ich immer Journalist geblieben: Meine Filme waren und sind rechercheintensiv.“
… sein großes Thema:
„Alle Filme, die ich gemacht habe, hatten etwas mit der Geschichte meiner Familie zu tun, mit dem Ziel, zu verstehen, was damals im Dritten Reich passiert ist, in Deutschland und bei meinen Eltern und Großeltern. Das Thema ist bei uns daheim explodiert, als die Serie „Holocaust“ ins Fernsehen kam und wir danach in der Familie über das Dritte Reich und die Nazizeit gesprochen und gestritten haben. Es begann ein langer Weg.“
… die neuen Filmemacher und ihre (ganz anderen) Themen:
„Die jungen Leute, die jetzt bei mir Film studieren und zwischen 20 und 28 Jahre alt sind, haben völlig andere Themen, als wir in unserer Generation hatten. Bei mir war es der Nationalsozialismus und die Geschichte der Eltern, der Mütter und Väter. Bei den heute Studierenden, von denen viele nicht in Deutschland geboren sind, geht es um Heimat, aber auch um die eigene, sehr unterschiedliche sexuelle Orientierung, um Beziehungsfähigkeit. Das sind die großen Themen. Die Jungen machen mit ihren Handys heute Filme, bei denen ich mich frage: Wie geht das?“
… Genauigkeit, die immer wichtiger wird:
„Der Bewegtbildbereich spielt eine immer größere Rolle, auch im Journalismus. Deshalb kann ich jedem nur raten,Medienberufe zu ergreifen und dabei auf höchste Genauigkeit und Recherchetiefe Wert zu legen. Je wilder und unruhiger die Zeiten werden, desto wichtiger wird die Frage, wem man vertrauen kann. Und das werden diejenigen sein, die nach höchsten journalistischen Prinzipien arbeiten, sowohl in ihren Filmen als auch in ihren Texten, in denen es auf die Präzision ankommen wird.“
… der Wunsch nach Harmonie und Glückseligkeit:
„Als Filmemacher musst du, anders als Journalisten, eine Vorahnung davon haben, was Menschen – beginnend von heute – in drei Jahren interessieren wird. Im Moment funktioniert alles, was Harmonie, Wärme und Glückseligkeit transportiert, wir leben in einer inneren Fluchtbewegung. Den Trend konnte man tatsächlich schon vor drei Jahren voraussehen: Stoffe, die wehtun und für deren Radikalität ich mich interessiere, bekommst du im Moment tausendmal schwerer los als Filme, bei denen die Zuschauer von den Krisen dieser Welt entspannen können. Ich würde voraussagen, dass das Pendel in drei Jahren zurückschlagen wird und die heutige Leichtigkeit von dem Wunsch nach anspruchsvoller Unterhaltung abgelöst wird.“
… den Abschied von der Ufa und die Suche nach einer neuen Balance:
„Ich war 26 Jahre bei der Ufa, zuletzt als CEO, und wahrscheinlich könnte ich das heute noch sein. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass mein Körper nicht mehr mitgemacht hat, vor allem mein Rücken nicht. Da war mein 60. Geburtstag eine Zäsur, als ich merkte, dass mir diese tägliche Anspannung nicht mehr guttut. Seitdem ich bei der Ufa aufgehört habe und wieder eigener Unternehmer bin, versuche ich, eine neue Balance zwischen Arbeit und Leben zu finden. Ich muss auch sagen, dass ich kein Interesse an einem wie auch immer gearteten Ruhestand habe, das wäre nichts für mich. Ich glaube, Ruhestand würde ich nicht lange überleben.“
… seinen größten Fehler als Ufa-Chef:
„Ich habe viel zu spät gemerkt, dass es meine Rolle vor allem sein muss, andere glänzen zu lassen, und nicht selbst die Rampensau zu sein, also derjenige, der im Mittelpunkt steht. Wenn du große Gruppen führst, musst du selbst zurückstecken, gerade in der Außenwirkung.“
… seine Liebe zur Insel Föhr:
„Ich habe von einem guten Freund ein Haus auf Föhr gekauft. Ich liebe die Insel und ich liebe die Bodenständigkeit der Menschen dort und versuche, so oft wie möglich dort zu sein.“
Der Fragebogen: Auf der Suche nach der Balance zwischen Arbeit und Rente
Was wollten Sie als Kind werden und warum?
Filmemacher, das ging schon mit der ersten Super-8-Kamera los, die Film-AG im Gymnasium hat den Wunsch vertieft.
Was war der beste Rat Ihrer Eltern?
Sei dir selbst treu und lebe deine Träume.
Wer war beziehungsweise ist Ihr Vorbild?
Maria Hipp, eine Oberhebamme, die mich und meine Schwester zur Welt gebracht hat – es war ihre Lebenslust, ihre Disziplin, ihr offener Umgang mit Leben und Tod, das war quasi berufsbedingt auch ihre tägliche Herausforderung.
Was haben Ihre Lehrer/Professoren über Sie gesagt?
Renitenz, Unbeugsamkeit und manchmal auch aggressive Rhetorik. Ich war Klassen- und Schülersprecher, oft bin ich übers Ziel hinausgegangen.
Wann und warum haben Sie sich für den Beruf entschieden, den Sie heute machen?
Während der Schulzeit. Filmemachen beinhaltet alles: Schreiben, Träumen, sich selbst mit anderen auf eine große Reise zu begeben, die vieles von innen nach außen treibt.
Wer waren Ihre wichtigsten Förderer?
Die damals tolle Redaktion beim Südwestfunk, Peter Schulze-Rohr, Susan Schulte, Dietrich Mack. Später mein Chef bei der UFA, Wolf Bauer und Jan Mojto, ein großer, europäischer Produzent. Und der Hamburger Jürgen Kriwitz, der mich von der Regie zum Produzieren inspiriert hat.
Auf wen hören Sie?
Auf mein Bauchgefühl, die innere Stimme.
Was sind Eigenschaften, die Sie an Ihren Chefs bewundert haben?
Gelassenheit, Neugier, andere zu fördern, ohne Druck auszuüben.
Was sollte man als Chef auf keinen Fall tun?
Bevormunden, im Sinne, alles besser zu wissen.
Was sind die Prinzipien Ihres Führungsstils?
Offenheit, Neugier und Geduld – auch im Zuhören.
Wie wichtig war/ist Ihnen Geld?
Leider überhaupt nicht – ich kann mit Geld schwer umgehen, manchmal steht mir meine eigene Großzügigkeit selbst im Weg.
Was erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern?
Engagement und Ehrlichkeit.
Worauf achten Sie bei Bewerbungen?
Auf überzeugende Abschnitte im Lebenslauf, die von echtem Engagement getragen werden.
Duzen oder siezen Sie?
Ich duze und umarme … das habe ich mir in der Highschool-Zeit in den USA angewöhnt.
Was sind Ihre größten Stärken?
Ausdauer und Menschenkenntnis.
Was sind Ihre größten Schwächen?
Ungeduld und überdrehte Selbsterwartung.
Welchen anderen Entscheider würden Sie gern näher kennenlernen?
Peter Leibinger, den Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Industrie.
Was würden Sie ihn fragen?
Was seine positive Souveränität und Ruhe ausmacht.
Was denken Sie über Betriebsräte?
Engagierte Betriebsräte nehmen das Unternehmerische in seiner Ganzheit genauso ernst, wie das Management es tut – man lernt voneinander.
Wann haben Sie zuletzt einen Fehler gemacht?
Ich habe bei der Führung der UFA in komplexen Prozessen zu früh aufgegeben.
Welche Entscheidung hat Ihnen auf Ihrem Karriereweg geholfen?
Vom Regisseur zum Produzieren zu wechseln: der Mut, komplett Neuland zu erforschen.
Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?
Immer noch zu viel, ich suche nach Balance zwischen Rente und Arbeiten.
Wie viele Stunden schlafen Sie (pro Nacht)?
Ich schlafe acht Stunden.
Wie gehen Sie mit Stress um?
Ich versuche mich mühsam mit Yoga und Meditation zur inneren Ruhe zu bringen.
Wie kommunizieren Sie?
Sehr direkt, deutlich und oftmals leider zu ehrlich.
Wie viel Zeit verbringen Sie an Ihrem Schreibtisch?
Eher beim Lesen auf dem Sofa… manchmal stundenlang mit komplexen Drehbüchern.
Wenn Sie anderen Menschen nur einen Rat für ihren beruflichen Werdegang geben dürften, welcher wäre das?
Glaube an dich selbst, bleibe bei deinem Weg, lasse dich nicht dazu verführen, deine eigenen Werte zu korrumpieren.
Was unterscheidet den Menschen von dem Manager Nico Hofmann?
Wenn der Manager engagiert und offen ist, gar nichts.
Und zum Schluss: Was wollten Sie immer schon mal sagen?
Politischer Narzissmus, das Ego des Bösen, wird langfristig nirgendwo auf der Welt überleben. Das hat die Geschichte gezeigt.










