Von Christiane Soyke, aus BUNTE 18/2026


P​​​lötzlich wird man nicht mehr gebraucht, ausgemustert, die jüngere Generation rückt nach. Das haben auch Nachrichtenlady Petra Gerster, 70, und Produzent Nico Hofmann, 66, der jahrelang Chef der UFA-Film war, erlebt. Wie sich beide neu erfunden haben und was sie von den aktuellen Regelungen halten, erzählen sie hier exklusiv.

Wie definieren Sie Ihre Lebensphase?

Petra Gerster: Ziemlich happy, würde ich sagen. Ich habe gut zu tun, aber auch mehr Zeit für die Familie und Freunde. Als ich beim ZDF mit den Nachrichten aufhörte, hatte ich die Sorge, vielleicht in ein Loch zu fallen, das ist gottlob nicht passiert.

Nico Hofmann: Vielleicht sollte es ein Umdenken geben, was die gesellschaftliche Haltung zum Alter betrifft, denn die Lebenserfahrung ist ein Mehrwert für ein Unternehmen. Ich finde es absurd zu sagen: Ab 60 plus spielst du keine Rolle mehr.

Petra Gerster: Ja, man müsste individuell regeln können, wie lange man arbeitet. Andererseits verstehe ich, wenn die Jüngeren zum Zug kommen wollen. Natürlich gibt es Berufe, die so anstrengend sind, dass man aufhören möchte. Wenn man den Job aber gut ausfüllt, sollte das möglich sein. Starre Regelungen sind einfach nicht zeitgemäß.

Das sieht die jüngere Generation vielleicht etwas anders.

Nico Hofmann: Natürlich planen Junge auch ihren Lebensweg und wollen Karriere machen. Das ging mir genauso. Als ich 53 war, sagte mir mein Chef, dass er bis 70 weitermachen will. Da kam ich schon ins Nachdenken, was das für mich bedeutet. Entscheidend ist, wie man über dieses schwierige Thema miteinander redet. Die Alten wegschieben, weil man selbst alles besser weiß, halte ich für respektlos. Ich lerne bis heute von älteren Menschen.

Petra Gerster: Unsere Gesellschaft ist überaltert und die wenigen Jungen müssen die Rente der vielen Alten bezahlen. Auch deswegen wäre es nur gut, wenn einige der Älteren noch mit zum Bruttosozialprodukt beitrügen.

In anderen Kulturkreisen wird das Alter mehr geschätzt.

Nico Hofmann: Ich bin Professor an der Filmakademie in Ludwigsburg und die Studierenden suchen meinen Rat, da gibt es kein Altersbashing. Es geht darum, mit welcher Dialogbereitschaft und Offenheit wir auf die Jungen zugehen – und umgekehrt.

Petra Gerster: Als ich 58 war, meinte ein Chef bei der Vertragsverlängerung: ,Irgendwann muss auch mal Schluss sein.‘ Ich bin sicher, der gleichaltrige Kollege Claus Kleber hat so etwas nie zu hören bekommen.

Nico Hofmann: In den USA war Barbara Walters eine Legende im News Bereich und noch mit 80 auf dem Bildschirm, weil sie mit unglaublicher Grandezza moderiert hat. Warum geht das bei uns nicht? Wir brauchen mehr Flexibilität. Ich habe Freunde, die es herbeigesehnt haben, im Alter mehr Freizeit zu haben. Es geht aber immer um die persönliche Energie. Auch angesichts der Probleme im Arbeitsmarkt finde ich eine starre Regelung überholt.

Wie ging es Ihnen persönlich, als Sie aus dem Tagesgeschäft raus waren?

Petra Gerster: Der Beruf ist ein Gerüst für den Alltag. Die ,heute‘-Redaktion war ein Teil meines Lebens. Das fiel plötzlich weg. Heute arbeite ich als Journalistin, moderiere, halte Vorträge – und wir haben uns letztes Jahr einen jungen Hund zugelegt, einen Mittelschnauzer namens Fanny.

Nico Hofmann: Ich hatte das Gefühl, Familie verloren zu haben, meine tägliche, gewohnte Umgebung. Man fällt definitiv, nicht unbedingt in ein Loch, aber in eine völlig andere Struktur, die man sich selbst neu geben muss. Man hinterfragt sich selbst und merkt, welche große Rolle der Beruf spielt. Als Reaktion habe ich mir anfangs zu viel aufgeladen, das war eine Art Flucht vor der neuen Realität. Heute mache ich nur noch, worauf ich Lust habe. Neben der Filmakademie Ludwigsburg habe ich in Potsdam meine eigene Beratungsfirma gegründet und bin Anteilseigner bei BetaBerlin aus dem Haus von Jan Mojto. Mit Petra sitze ich als Intendant im Gremium der Nibelungen Festspiele von Worms. Es geht darum, die Sinnhaftigkeit für das eigene Leben neu zu definieren.

Und um den Verlust von Bedeutung?

Petra Gerster: Wenn ich zu einem Stiftungstermin aufbreche, scherzt mein Mann gern: ,Ach, bist du heute wieder wichtig?‘ Der TV-Ruhm hält noch ein bisschen vor.

Nico Hofmann: Die zentrale Frage ist doch, wo man seine Talente einbringt, wenn die äußerliche Struktur wegfällt. Mein Plan war nicht, nur noch auf meinem Boot zu sitzen und über den Wannsee zu fahren. Meine Mutter ist 94, hat bis 70 noch für die ,FAZ‘ geschrieben und bis heute nicht aufgehört, ihre Gedanken aufzuschreiben. Sie ist mein Vorbild. Filme zu machen, die Begegnung mit meinen Studierenden – das hält mich frisch im Kopf.

Wie wichtig ist die Familie für Sie?

Petra Gerster: Mein größtes Glück ist mein erstes Enkelkind, das genau zu meinem 70. Geburtstag auf die Welt kam. Um das Kleine werde ich mich bald mehr kümmern, wenn meine Tochter, die auch Journalistin ist, zurück zur ,FAZ‘ geht.

Nico Hofmann: Ich lebe allein, habe aber einen sehr stabilen und präsenten Freundeskreis. In Zeiten wie diesen sind Liebe und Wärme extrem wichtig. Menschen, denen man vertrauen kann, geben Halt. Mit ihnen kann ich ehrliche, tiefgründige Gespräche führen. Auf Menschen, die Energie rauben, habe ich keine Lust. Mein Thema bleibt es aber, die Balance zu finden zwischen Ruhe und Engagement.

Halten Sie sich auch körperlich fit?

Petra Gerster: Ich gehe jeden Tag eineinhalb Stunden mit dem Hund. Außerdem fahren mein Mann und ich mit dem E-Bike. Und für mich selbst mache ich etwas Yoga.

Nico Hofmann: Ich musste lernen, mehr auf meinen Körper zu hören, und mache inzwischen Feldenkrais, Pilates, Kieser Training, um meinen Rücken zu stärken. Ich war auch in einem Gesundheitsresort in Thailand und bin immer auf einer bewussten Suche nach Ruhepunkten.

Sie sind beide kaum auf Social Media präsent. Bewusst?

Petra Gerster: Ich habe Accounts, habe aber kein Bedürfnis, mich selbst darzustellen.

Nico Hofmann: Ich poste nur Berufliches auf LinkedIn. Wenn mich jemand als alten weißen Mann diffamiert, gehe ich gerne jeden Glaubenskampf ein. Was macht Social Media mit der Jugend? In der Filmakademie Ludwigsburg bilden wir die Anti-TikTok-Generation aus, die darauf angewiesen ist, dass Zuschauer ihre Ideen in Ruhe anschauen. Die Schnelllebigkeit von Clips und Reels ist kontraproduktiv, wenn es um eine tiefere Wahrnehmung von wichtigen Themen geht.

Petra Gerster: Ja, der unkritische HandyKonsum tötet jede Kreativität und ist am Ende ein großes Bildungsproblem, weil es immer mehr jungen Menschen schwerfällt, längere Texte zu lesen und zu verstehen. Das ist auch politisch gefährlich. Unsere Gesellschaft ist dabei, in die KI-Falle zu tappen, weil eine ganze Generation verlernt, selbstständig zu denken. Sie bekommt die Antworten ja geliefert. Trotzdem möchte ich offen für die neue Technik bleiben und mich mit ihr auseinandersetzen, weil ich nicht den Anschluss an die übernächste Generation verlieren will.

Nico Hofmann: Was wir Ältere den Jüngeren vermitteln können, sind Wahrhaftigkeit, Geduld und vielleicht die Anregung, das Handy mal aus der Hand zu legen für tiefere Gespräche.