Beitrag Nico Hofmann zum Buch: 75 Jahre Baden-Württemberg. 75 Stimmen. Vertrauen. Vielfalt. Visionen.

Von Manuel Hagel (Herausgeber)

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Ich bin stolzer Baden-Württemberger, in Heidelberg geboren, in Mannheim aufgewachsen. Zum Film ging es schon früh, einmal mit Super-8- Arbeiten bei der Film AG im Mannheimer Moll-Gymnasium und natürlich als Zaungast bei der Mannheimer Filmwoche – in den 70er Jahren eines der großen sogenannten A-Festivals der Welt. Meine Eltern waren hier engagiert, die Filmwoche war damals das Fenster nach Osteuropa, im Prager Frühling kamen die verfolgten Künstlerinnen und Künstler nach Mannheim und fanden hier Schutz. Meine eigene Laufbahn als Regisseur begann beim damaligen SWF in Baden-Baden und dem damaligen SDR in Stuttgart – beides stolze Sender, Leuchttürme und Bastionen im Spiel- und Dokumentarfilm. Baden-Württemberg, das war ein Schmelztiegel für kreative Filmmenschen. Es kam die Filmakademie in Ludwigsburg und der wunderbare Carl Laemmle Produzentenpreis in Laupheim (für mich in der Grandezza der Veranstaltung dem Deutschen Filmpreis ebenbürtig): Es gab immer wieder Aufbruch in meinem Bundesland.

Auch zu seinem 75. Geburtstag steht Baden-Württemberg wieder vor einem Aufbruch: Als exportstarkes Industrieland im Herzen Europas und als einer der innovationsstärksten Regionen der Welt befindet sich Baden-Württemberg mitten in der Transformation. Um neue Wachstumsfelder zu erschließen, setzt die Landespolitik insbesondere auf Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI), Industrie 4.0, Elektromobilität und Nachhaltigkeit.

Eine ganze wesentliche Rolle im Innovationsland spielt die exzellente Forschungslandschaft mit einer großen Anzahl an Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, die in einem einzigartigen, dichten und vielfältigen Ökosystem sehr eng mit erfolgreichen Konzernen und Mittelstandsunternehmen verwoben sind. Um den Wissensaustausch und damit die Innovationsgeschwindigkeit zu beschleunigen, spielen Netzwerke und Cluster eine entscheidende Rolle.

Ein Baustein in der Innovationslandschaft Baden-Württembergs ist die Kreativwirtschaft, die nicht nur einen wichtigen kulturellen Beitrag zur Standort-Attraktivität der Region leistet, sondern auch immer mehr zu einem wirtschaftlichen Faktor wird. Das gilt im besonderen Maße für die Filmwirtschaft. Obwohl kein klassisches Filmland, hat sich hier mittlerweile eine starke Filmbranche entwickelt. Laut der Standortstudie Kultur- und Kreativwirtschaft in Baden-Württemberg 2023 ist die Zahl der Unternehmen in der Filmwirtschaft, die mit der Herstellung von Filmen, Videofilmen und Fernsehprogrammen befasst sind, von 365 im Jahr 2016 auf 423 im Jahr 2021 gewachsen. Insgesamt sind über 5.000 Personen in der Filmwirtschaft beschäftigt.

Um das Cluster der baden-württembergischen Filmwirtschaft strategisch auszubauen, braucht das Bundesland zunächst eine Vision: Filmland Baden-Württemberg. Unter dieser einprägsamen und strahlkräftigen Dachmarke als narrative und planerische Klammer sollte die Vernetzung und Stärkung der Filmbranche gebündelt und direkt bei der Staatskanzlei angebunden werden. Das Cluster Filmland Baden-Württemberg muss sich zu einem führenden Medien- und Kreativ-Standort entwickeln. Das erfordert ein koordiniertes und entschlossenes Vorgehen aller beteiligten Akteure (Landesregierung, Sender, Förderung, Filmakademie etc.).

Die im Land selbst geschaffenen Ressourcen – exzellent ausgebildete Medienschaffende mit herausragenden Ideen, Initiativen und Projekten – müssen in Baden-Württemberg eine berufliche, unternehmerische und persönliche Perspektive haben. Ihr Wirken kann und muss künftig stärker dem Land zugutekommen. Die Stärken des Filmstandorts liegen im Bereich der Ausbildung mit Studiengängen an Hochschulen in den Bereichen Informationstechnologien, Medien- oder Kommunikationswissenschaften, sowie der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg (FABW), eine der führenden Filmhochschulen weltweit. Als Mitbegründer dieser Schule darf ich sagen: Es erfüllt mich mit großem Stolz, wenn ich die Leistungen und Karrieren unserer Studierenden über die Jahrzehnte verfolgen darf. Im Bereich der Animation sind ganze Jahrgänge mit hohen Gagen nach Hollywood gezogen worden. Und sie alle arbeiten – genauso wie in den Bereichen Drehbuch, Regie, Kamera oder Schnitt – national oder international, mit messbaren, stetigen und konsequenten Erfolgen. Die Zahl der Auszeichnungen, Preise und Würdigungen der Filmakademie in Ludwigsburg ist ein Signal, ein Geschenk an das Bundesland Baden-Württemberg. Und: auch gerade der Austausch mit den französischen Nachbarn war für Filmakademiegründer Albrecht Ade zentral. Der konsequente Aufbau des deutsch-französischen Ateliers in Ludwigsburg gilt als richtungsweisend für die kreative Kooperation in Europa.

Um die Exzellenz von Ausbildung- und Forschungsstrukturen zu stärken, sollte ein kontinuierlich anwachsendes Budget für die FABW verstetigt werden. Darüber hinaus sollten die bestehenden Kooperationen zwischen SWR und FABW im Bereich Ausbildung und Nachwuchsproduktion vertieft werden. Um Gründern eine Zukunft im Land bieten, sollte ein Carl-Laemmle-Center (CLC) als Gründungs-Zentrum für die Kreativwirtschaft, z.B. im künftigen Filmhaus Stuttgart oder in Ludwigsburg eingerichtet werden. Die Verzahnung und Kooperation innerhalb der Kreativwirtschaft (v. a. Games und Film/Animation) sollte unter Nutzung der strategischen Rolle der MFG als Fördermittelgeberin gestärkt werden.

Diese und viele andere Ideen sollten unter der Dachmarke Filmland Baden-Württemberg gebündelt und mit den handelnden Akteure besser vernetzt werden. Dann kann dieses Cluster einen kleinen, aber wirkungsvollen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit und zur regionalen Wertschöpfung leisten. Denn der gewaltige Transformationsprozess, den dieses starke Industrieland mit großer Leidenschaft begonnen hat, braucht auch künstlerische Inspiration, große kreative Denkräume und weite Horizonte.